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Epilepsie:

Der epileptische Anfall ist eine Funktionsstörung des Gehirns, welche plötzlich auftritt und sich durch Phänomene des motorischen, sensibeln, sensorischen, vegetativen und psychischen Bereichs in unterschiedlicher Kombination äußert. Je nachdem, welcher Gehirnteil an der epileptischen Reaktion teilnimmt, können unterschiedliche Anfälle auftreten.
Epileptische Anfälle sind Zeichen für eine Funktionsstörung des Gehirns und können bei jedem Menschen jederzeit auftreten. Handelt es sich um eine vorübergehende Funktionsstörung (Fieber, Hirnhautentzündung, Alkoholentzug,....), sprechen wir von “Gelegenheitsanfällen”

Treten mehr als 3 epileptische Anfälle ohne Auslöser auf, spricht man von einer Epilepsie. Man kann davon ausgehen, dass jeder cerebrale Krampfanfall das erneute Auftreten eines Anfalls bahnt. Dadurch werden die Abstände der Anfälle kürzer und die Anfälle können auch heftiger werden.
In der Regel zeigen Patienten immer den gleichen Anfallsablauf, nur wenige weisen eine Vielzahl von Anfallsformen gleichzeitig auf. Daher ist der Begriff “Epilepsie” nur ein Oberbegriff, man sollte von Epilepsien sprechen, die in unterschiedliche Epilepsie-Syndrome eingeteilt werden. Die Einteilung ist wichtig für die Entscheidung über die Prognose, d.h. den vermutlichen spontanen Verlauf der Erkrankung, die Therapiemöglichkeit und den Umgang mit der Epilepsie im Alltag.

Häufigkeit des Auftretens
Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Kindesalters und die häufigste neurologische Erkrankung generell.
Die Prävalenz der Epilepsie, d.h. die Anzahl der Patienten mit Epilepsie zu einem bestimmten Zeitpunkt, liegt bei 5 – 10 0/00, d.h. 1 von 100 – 200 Personen leidet aktuell unter Epilepsie. Im Kindesalter erkranken jährlich 90/100 000 Kindern neu an Epilepsie. Die Hälfte der Patienten erkranken vor dem 10. Lebensjahr, 2/3 vor dem 20. Lebensjahr. Erst ab dem 60. Lebensjahr kommt es wieder zu einer Zunahme an Neuerkrankungen. Berücksichtigt man auch einzelne Krampfanfälle, so haben 5% der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben einen cerebralen Krampfanfall, 10% zeigen eine Anfallsbereitschaft im EEG.

Es ist also damit zu rechnen, dass in jeder Schulklasse ab 20 Kindern ein Kind anzutreffen ist, das entweder einen cerebralen Anfall bereits erlebt hat oder im späteren Leben noch erleiden wird. Statistisch müsste in jeder Schule mindestens ein Kind zu finden sein, das unter Epilepsie leidet.

Einteilung der Epilepsien
Epilepsien werden einerseits nach ihrer Ursache, andererseits nach ihrem Erscheinungsbild eingeteilt.
Bezüglich der Ursache ist eine Dreiteilung üblich:

  • Symptomatisch die Ursache der Epilepsie ist bekannt, z.B. Hirnverletzung
  • Idiopathisch die Ursache der Epilepsie ist eine erblich erhöhte Anfallbereitschaft, wobei ein unbekannter Auslösefaktor hinzu kommt.
  • Kryptogen es kann nach heutigem Wissen keine Ursache gefunden werden, es wird jedoch eine unbekannte Störung (z.B. Stoffwechsel) vermutet.

Erläuterung der einzelnen Anfallsformen:

Grand mal
Der bekannteste Anfall ist der Grand mal Anfall. Mit ihm werden Epilepsien in der landläufigen Meinung verbunden. Er verursachte die Bezeichnung “Krampfanfall”.
Der Grand mal Anfall verläuft in mehreren Phasen, die teilweise auch übersprungen werden können:
Aura: manche Patienten verspüren ein Vorgefühl, meist unbestimmt, nicht richtig einzuordnen. Streng genommen handelt es sich hier um einen einfach fokalen Anfall und somit um einen sekundär generalisierten Anfall. Die Aura fehlt somit bei dem größten Anteil der Patienten.
Dauer: unterschiedlich lang, Sekunden bis Minuten
Tonische Phase: sämtliche Muskeln des Körpers versteifen sich plötzlich gleichzeitig. Der Patient ist bewusstlos.
Durch die Muskelversteifung kommt es beim stehenden Patienten zum Sturz, je nach Atemlage wird die Luft aus der Lunge durch die geschlossene Stimmritze gepresst (Initialschrei), u.U. beißt sich der Patient auf die Zunge. Da beim Sturz Abwehrreflexe fehlen, kann es zu schweren Verletzungen kommen.
Dauer: meist Sekunden bis Sekundenbruchteile. Tonische Phase oft nicht erkennbar
Klonische Phase: Die Beuger und Strecker ziehen sich in rhythmischen Abständen abwechselnd zusammen, es kommt zu rhythmischen Zuckungen, nicht nur der Arme und Beine, sondern auch z.B. der Zunge, wodurch Schaum vor den Mund treten kann (aufgeschlagener Speichel). Die Atemmuskulatur wird nicht ausreichend eingesetzt, so dass es zur Blauverfärbung der Lippen, ggf. auch des Gesichtes kommen kann.
Dauer: Sekunden bis meist unter 3 Minuten
(Atonische Phase anstelle der Tonuserhöhung kann es auch zum Tonusverlust kommen, der Patient ist schlaff, bewusstlos und atmet nicht.)
Erholungsphase: Das Gehirn hat sehr viel Energie verbraucht, die Nervenzellen sind entladen, der Patient versinkt in einen Tiefschlaf.
Dauer: sehr unterschiedlich, Sekunden bis Stunden.
Der einzelne Anfall ist selbstlimitierend, d.h. er hört in der Regel ohne äußeres Zutun wieder auf. Das “Blauwerden” ist kein Zeichen für absterbende Hirnzellen, es ist nicht nötig, den Patienten zu beatmen. In der tonischen und der klonischen Phase des Anfalls ist eine Beatmung gegen den Muskeldruck auch nicht möglich. Wenn es zu einem Zungenbiss (selten!) kommt, dann in der ersten Phase, d.h. noch bevor jegliches Eingreifen möglich ist.

Petit mal
Petit mal Anfälle erscheinen weniger dramatisch und werden daher oft nicht als Epilepsie angesehen, die Anfälle häufig übersehen. Die häufigste Form im Schulalter sind die
Absencen
Absencen sind kurze Bewusstseinspausen. Sie wurden in der Literatur im Struwwelpeter in Form des “Hans guck in die Luft” beschrieben:
Der Blick wird leer, vereinzelt wird der Kopf zurückgeneigt, die Lider blinzeln im Takt von 3/s, die Kinder sind für die Dauer des Anfalls bewusstlos, können jedoch automatische Dinge (Radfahren, Laufen,...)weiter ausführen oder halten kurz inne. Ohne Übergang wird die angefangene Tätigkeit wieder aufgenommen.
Der Anfall dauert meist nur sehr kurz und kann leicht übersehen werden. Im Schulkindalter sind jedoch Serien von Anfällen häufig, d.h. es folgen mehrere Anfälle auf einander. Die meisten Anfälle treten in den Morgen- und Abendstunden sowie bei Ruhe und Langeweile auf. Die Kinder wissen von den Anfällen meist nichts, es sei denn, die Bewusstseinspause macht sich durch eine Veränderung der Umgebung bemerkbar.
Myoklonische Anfälle
Myoklonische Anfälle treten vorzugsweise im Jugendalter auf, es handelt sich um kurze Zuckungen des Schultergürtelbereichs. Meist werden die Anfälle in der ersten Stunde nach dem Erwachen beobachtet, sie stören dann beim Zähneputzen und Frühstücken durch Wegschleudern von Gegenständen.
Myoklonisch astatische Anfälle
Myoklonisch astatische Anfälle sind eine Anfallsform des Kleinkindes- und Kindergartenalters: Die Kinder knicken in den Knien ein und stürzen dabei hin. Oft ist der Anfall mit dem Sturz auch bereits beendet, nur in wenigen Fällen kommt es anschließend noch zu vereinzelten Zuckungen. Die Kinder werden durch die häufigen Stürze verunsichert und zeigen einen breitbasigen Gang, Krabbeln wird lange bevorzugt.
Einfach fokale Anfälle
Einfach fokale Anfälle werden ebenfalls häufig nicht als epileptische Anfälle erkannt. Sie können ein “buntes Bild” darstellen, je nach der Hirnregion, die am Anfallsgeschehen teilnimmt. Da der “Herd” jedoch in der Regel bei dem einzelnen Patienten an einer bestimmten Stelle sitzt, sind diese Anfälle bei der einzelnen Person meist gleichförmig.
Man unterscheidet die Anfälle nach dem Ursprungsort und der Erscheinungsform:

Motorisch Es kommt zu Bewegungen in einer Muskelgruppe
Sensorisch Es werden Gefühle wahrgenommen, die keinem äußeren Reiz entsprechen
Sensibel Sinneswahrnehmung ohne Entsprechung
Vegetativ z.B. Herzrasen, Schwitzen
Psychisch z.B. Angstgefühle, Aggression, Trauer

Der Patient ist während des Anfalls bei Bewusstsein, kann somit auf den Anfall reagieren. Gleichzeitig wird von ihm jedoch auch der Kontrollverlust empfunden, so dass fokale Anfälle für den Patienten meist schlimmer sind als generalisierte Anfälle, die sich dem Erleben entziehen. Auch kann es sein, dass der Patient im Anfall nicht reagieren kann, weil z.B. das Sprachzentrum getroffen ist und somit Fragen nicht beantwortet werden können. Von der Umgebung wird das Verhalten des Patienten leicht missdeutet.

Komplex-partiale Anfälle
Bei komplex-partialen Anfällen sind mehrere Hirnbereiche betroffen, das Bewusstsein ist eingeschränkt, aber nicht völlig erloschen. So kann es z.B. zu scheinbar sinnvollen Reaktionen kommen. Der Patient kann Abwehrreaktionen zeigen, die jedoch reflexartig und nicht durchdacht sind. Meist werden Nesteln, Schmatzen, Mundbewegungen (orale Automatismen) aus dem Bereich der Nahrungsaufnahme beobachtet. Es können jedoch auch szenische Abläufe wie Ausziehen (auch in der Öffentlichkeit) oder Suchen erfolgen. Mechanische Handlungen können ausgeführt werden, d.h. man kann z.B. einen Patienten u.U. in einen anderen Raum geleiten.

Diagnoseverfahren

Anamnese die wichtigste Grundlage der Diagnose ist die Krankengeschichte des Patienten. Hierzu gehören:
Die Akutanamnese mit:

  • genauer Beschreibung des Anfalls,
  • möglicher Auslöser des Anfalls
  • Verlauf des Anfalls
  • Dauer des Anfalls
  • Ende des Anfalls
  • Die frühere Anamnese mit:
  • Schwangerschafts- und Geburtsverlauf
  • Frühkindliche Entwicklung (Meilensteine)
  • Vorerkrankungen
  • Unfälle, Schädelverletzungen
  • Die Familienanamnese mit:
  • Familiären Epilepsien
  • Fieberkrämpfen in der Familie
  • Migräne
    Stoffwechselerkrankungen

Allein durch die sorgfältige Anamnese kann in den meisten Fällen die Art der Anfälle und bei Vorliegen einer Epilepsie die vermutliche Einordnung getroffen werden. Dieser Verdacht wird dann durch weitere Untersuchungen bestätigt oder ausgeräumt:
Hirnstromuntersuchung (EEG)
Aufschluß über die Tätigkeit des Gehirns gibt das EEG. Im gesunden Zustand wechseln positive und negative Ladung in gleichmäßigem Rhythmus, je nach Wachheitsgrad und Alter in unterschiedlichem Tempo. Bei unkontrollierter Entladung ist dieser Rhythmus gestört, es werden die sog. “Krampfströme” registriert.
Da das Gehirn zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich reagiert, werden verschiedene EEG-Ableitungen unterschieden:
Standard-EEG
Die Ableitung erfolgt am wachen Menschen mit geschlossenen Augen. Zur Provokation des Gehirns werden Hyperventilation (vermehrtes Abatmen von CO2) und Fotostimulation (Lichtblitze in unterschiedlicher Frequenz) angewandt.
Video-EEG
Während der Ableitung kann eine Video-Aufnahme angefertigt werden. Hierdurch können fragliche Phänomene, z.B. Blinzeln, genau mit dem EEG korreliert werden und somit als Anfälle bestätigt oder ausgeschlossen werden.
Schlaf-EEG
Da das Gehirn im Schlaf eine andere Funktion aufweist als im Wachzustand, können manche Veränderungen nur im Schlaf bemerkt werden. Man unterscheidet das
Medikamentös eingeleitete Schlaf-EEG
Dies wird meist bei kleinen Kindern durchgeführt, die nicht in der Lage sind still zu halten. Die Hirnstromaktivität wird durch das Medikament beeinflusst, so dass ein Spontanschlaf-EEG vorzuziehen ist.
Spontanschlaf-EEG
Das Spontanschlaf-EEG ist schlecht zu planen und wird meist nur im Rahmen einer Langzeitableitung erreicht. Es gibt die beste Auskunft über die tatsächliche Aktivität des Gehirns im Schlaf.
Schlafentzugs-Schlaf-EEG
Hierbei wird der Patient eine Nacht (bei Kindern einen Teil der Nacht) wachgehalten. Durch den Schlafentzug wird das Gehirn gereizt, d.h. es wird die Pathologie deutlicher dargestellt. Die Gefahr eines Schlafentzugs-Schlaf-EEGs ist die Auslösung von Krampfanfällen, da Schlafentzug die Krampfschwelle senkt. Deshalb ist eine stationäre Überwachung während des Entzugs sowie in der darauf folgenden Nacht notwendig. Da die Änderung der Aktivität zwischen Wachzustand und Schlaf Aufschlüsse zur Einordnung der Epilepsie gibt, sollte jeder Patient zusätzlich zur Standard-Ableitung wenigstens einmal ein Schlafentzugs-Schlaf-EEG bekommen.
Langzeit-EEG
Beim Langzeit-EEG werden die Elektroden auf dem Kopf des Patienten festgeklebt. Ein Aufnahmegerät wird, wie ein Kassettenrekorder, für 24 Stunden und länger mitgetragen. Hierdurch können die Hirnströme im Tagesverlauf beurteilt werden. Sinn ist es, mögliche Anfallssymptome genau zu dokumentieren und dann in der Ableitung aufzusuchen. Ein Langzeit-EEG ist dann erforderlich, wenn Symptome nicht sicher als Anfälle auszuschließen sind und sich Schwierigkeiten in der Therapie ergeben. Da der Aufwand für die Ableitung sehr hoch ist, sollte genau überlegt werden, ob die Chance besteht, das fragliche Symptom zu “erwischen”. Bei seltenen Symptomen dürfte dies nicht gelingen.

Monitoring
In schweren Fällen und bei fehlendem Erfolg der antiepileptischen Einstellung ist ein Langzeit-Monitoring möglich. Dieses erfolgt ähnlich dem Langzeit-EEG, jedoch mit synchronisierter Videoüberwachung. Das Monitoring findet Anwendung zur Klärung der Frage, ob eine Epilepsie operabel ist oder nicht.
Kernspintomographie
Die Kernspintomographie ermöglicht es, die Struktur des Gehirns darzustellen. Hierbei können Fehlbildungen, Reifungsstörungen, Verletzungen und Tumore festgestellt werden. Ein Kernspin sollte bei allen symptomatischen und kryptogenen Formen der Epilepsie angefertigt werden. Bei idiopathischen Formen, d.h. z.B. bei Absencen oder der Rolando-Epilepsie, ist ein Kernspintomogramm nicht notwendig, da hier keine Änderung der Hirnstruktur vorliegt sondern nur der Funktion.
Stoffwechseluntersuchung
Bei kleinen Kindern kann eine Stoffwechselstörung die Ursache der Epilepsie sein. Hier kommt es jedoch meist zu geistigem Abbau, so dass die Diagnose allein durch den Verlauf im Schulalter ausgeschlossen werden kann.

PET/SPECT
Untersuchungen des Hirnstoffwechsels durch Eingabe eines radioaktiv markierten Zuckers, ähnlich der Szintigraphie der Schilddrüse, können Aufschluß über Veränderungen in einem verdächtigen Bereich geben. So wird der Stoffwechsel im Bereich eines epileptischen Fokus vermehrt und der markierte Zucker dadurch angereichert. Es wird in den Untersuchungen versucht, die Bildgebung zum Zeitpunkt eines Anfalls durchzuführen. Die Untersuchungen geben jedoch nur im Rahmen einer präoperativen Abklärung weiteren Aufschluß, so dass sie nicht routinemäßig durchgeführt werden müssen.
Therapie der Epilepsien
Die Therapie der Epilepsien erfolgt fast immer medikamentös.
Wichtig für die Therapie ist die genaue Kenntnis der vorliegenden Anfallsform, da sich an dieser die gewählte Substanz ausrichtet. Die Dosierung der Medikamente muss individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden. Ziel ist es, Anfallsfreiheit bei möglichst wenig Nebenwirkung der Medikamente zu erzielen.
Da jeder Anfall den nächsten Anfall bahnt, sollte die Therapie rasch eingeleitet werden. Auch kann es nötig werden, ein gewisses Maß an Nebenwirkungen zu tolerieren. Dies hängt wesentlich von der Lebenssituation des Patienten ab. Wenn z.B. bei einer schweren Epilepsie mit häufigen Grand mal Anfällen Anfallsfreiheit erreicht wurde, dann wird eine durch das Medikament hervorgerufene Zahnfleischwucherung eher als kosmetisches Problem akzeptiert, denn als medizinische Komplikation gesehen.

In vereinzelten Fällen kommt bei fokalen Epilepsien auch eine Operation als Heilmethode in Frage. Voraussetzung hierfür ist, dass die Epilepsie von einem kleinen Herd ausgeht, der keine lebenswichtigen Funktionen steuert. Auch sollte die Behandlung durch Medikamente vorher gescheitert sein, da eine Operation immer eine Entfernung von Hirngewebe bedeutet, die Operation ist auch bei Erfolglosigkeit nicht rückgängig zu machen. Eine genaue Diagnostik ist daher in speziellen Zentren nötig.

Unterstützend können bei fokalen Epilepsien Mechanismen der sog. “Selbstkontrolle” angewandt werden. Diese richten sich nach der Anfallsart und müssen individuell gefunden und eingeübt werden. (z.B. Reiben der Hand bei Kribbelanfällen, Konzentrationsübungen, etc.) Grundsätzlich gilt, dass Aktivität anfallsunterdrückend wirkt.
Unerlässlich ist eine geregelte Lebensführung mit geregeltem Nachtschlaf. Alkoholentzug, d.h. der Abbau von Alkohol nach dessen Genuss, sollte ebenfalls gemieden werden, dürfte im Kindesalter jedoch eine untergeordnete Rolle spielen. In seltenen Fällen kommt auch eine spezielle Diät (Ketogene Kost) zum Einsatz.
Wichtig ist die geregelte und pünktliche Einnahme der Medikamente. Es sollten regelmäßige Kontrollen bei einem Epileptologen erfolgen.

Auseinandersetzung mit der Epilepsie
“Ärztetourismus”

Die Diagnose einer chronischen Erkrankung bedeutet immer eine schwere Belastung des Patienten und seines Umfeldes. Die Lebensplanung muß neu überdacht werden, Lebensumstände müssen geändert werden. Die Diagnose der Epilepsie ist zudem noch negativ stigmatisiert. Dies führt nicht selten zu Negierung und fehlender Mitarbeit bei der Therapie. Auch besteht gerne die Tendenz, eine “zweite Meinung” einzuholen, möglichst so lange, bis die Diagnose widerrufen wird oder die Medikation geändert wird.

Generell gibt es in jedem Bereich der Medizin verschiedene Möglichkeiten, Erkrankungen zu behandeln. So können z.B. unterschiedliche Medikamente mit der gleichen Berechtigung als Einstiegsmedikament genutzt werden. Es handelt sich um die sog. Medikamente der ersten Wahl, die von denen der 2. und ferneren Wahl gefolgt werden. Die Reihenfolge der Anwendung hängt mit dem Bekanntheits- und Schweregrand möglicher Nebenwirkungen zusammen sowie der Einschätzung der möglichen Wirkung. Je nach Erfahrung kann der eine Epileptologe dem einen Präparat den Vorzug geben, ein anderer einem anderen. Wichtig ist jedoch, dass das Medikament konsequent verabreicht wird, die Wirkung und die Nebenwirkungen dokumentiert werden und der Blutspiegel bis zur Verträglichkeitsgrenze ausdosiert wird, bevor ein Medikament verworfen wird. Nur so lässt sich vermeiden, dass ein und dasselbe Medikament im Laufe einer Krankheitsgeschichte immer wieder unzulänglich eingesetzt wird und keine Fortschritte erzielt werden. Die Therapie sollte daher in der Hand eines Arztes liegen, häufiger Arztwechsel führt dazu, dass keine Therapiestrategie konsequent verfolgt werden kann.

stationäre Behandlung
Um den Patienten besser kennen zu lernen, die möglichen Nebenwirkungen beobachten zu können und eine Einschätzung der Gesamterkrankung zu ermöglichen, ist zu Beginn der Erkrankung oft eine stationäre Aufnahme notwendig. So kann das Kind in all seinen Bereichen beurteilt werden. Ein multidisplinäres Team aus Ärzten, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Lehrern kann einen direkteren und dadurch genaueren Einblick in die Möglichkeiten des Kindes bekommen, als es die (gefilterte) Anamnese durch die Eltern vermag.
So wird ein Kind nicht selten auf Grund eines Grand mal Anfalls vorgestellt, die auslösenden Absencen wurden durch die Eltern jedoch nicht beobachtet, in der Schule galt das Kind als verträumt. Auch bereitet die Beschreibung von Anfällen, die nie beobachtet wurden, häufig Schwierigkeiten. So können Stürze ganz unterschiedlichen Anfallstypen entsprechen.

Eine gemeinsame Beobachtung und “Namensfindung” kann für den weiteren Verlauf die Kommunikation erleichtern. (Was stellen Sie sich z.B. unter “Wuhpser” und “Gickerer” vor?)
Der stationäre Aufenthalt sollte gleichzeitig zur Schulung der Wahrnehmung der Anfälle, der Fortführung der Therapie und zur psychologischen Verarbeitung der Erkrankung genutzt werden.
Nebenwirkungen

Bei Antikonvulsiva handelt es sich um wirksame Medikamente, die in die Informationsweitergabe der Zellen eingreifen. Somit ist es verständlich, dass diese Medikamente auch Nebenwirkungen aufweisen können. Zu unterscheiden sind die dosisabhängigen Nebenwirkungen von den nicht-dosisabhängigen Nebenwirkungen. Erstere können z.B. durch Reduktion der Dosis gemindert oder aufgehoben werden. Hierzu gehört z.B. das Doppeltsehen, das eine typische Überdosierungserscheinung des Carbamazepins ist. Hohe Dosen von Antiepileptika können zu Verlangsamung und verminderter Spannkraft führen. Unter Valproat wird häufig ein Zittern beobachtet. In einigen Fällen kann es zu Haarausfall und Gewichtsschwankungen kommen.
Fast alle Antiepileptika werden über die Leber ausgeschieden, so dass eine regelmäßige Überwachung der Leberwerte erfolgen muß.

Bei den dosisabhängigen Nebenwirkungen lässt sich meist ein zeitlicher Zusammenhang zur Einnahme der Medikamente herstellen. Die Erscheinung tritt immer im gleichen Abstand zur Tabletteneinnahme auf, nämlich zu dem Zeitpunkt der höchsten Konzentration im Blut. Auffälligkeiten bei der Tabletteneinnahme sind keine Wirkung der Substanz, hier müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden.

Gerade eine Verlangsamung oder verminderte Spannkraft führen immer wieder zu unkontrollierter Dosisreduktion und fehlender Compliance. Es ist jedoch auch immer zu prüfen, ob diese nicht durch die Erkrankung der Epilepsie hervorgerufen ist. So kann es bei falscher Medikamenteneinnahme (oder fehlender Therapie) zu einem Dämmerzustand kommen, der einer Trance gleicht und einen anhaltenden Krampfanfall ohne Muskelkrämpfe darstellt. Andererseits kann das Epilepsiesyndrom (z.B. Lennox-Gastaut-Syndrom) mit einem geistigen Abbau einhergehen, der unabhängig von der Medikation und den Anfällen eintritt.

Änderungen der Dosierung und medikamentöse Umstellung sollten daher immer mit dem behandelnden Epilepstologen abgestimmt werden. Es sollte versucht werden, das Ausmaß der Veränderung zu erfassen. Bei leichten Nebenwirkungen, wie z.B. ein Ruhezittern oder eine vermehrte Atmung (bei Sultiam häufig), sollte überprüft werden, in wieweit sie als Beeinträchtigung aufgefasst werden müssen, oder ob sie bei Anfallfreiheit zu tolerieren sind. Wenn durch die Reduktion des Medikaments erneut Anfälle auftreten, kann es vorkommen, dass diese auch bei erneuter Dosissteigerung nicht wieder kontrolliert werden können.

Therapiefindung
Die Phase der Therapiefindung kann eine deutliche Belastung für das Kind und seine Familie darstellen. Gerade bei komplizierten Epilepsien, bei denen nicht sofort Anfallfreiheit erreicht wird, kommt es zu einem Wechselbad der Gefühle. Hoffnung auf das neue Medikament ist gepaart mit der Furcht vor Versagen und Nebenwirkungen. Zeitweise kann es auch zu einer Leistungsminderung kommen, wenn z.B. die optimale Dosis noch nicht gefunden wurde. Dies ist z.T. in Schriftbildveränderungen sichtbar, teilweise kommt es auch zu Verhaltensänderungen des Kindes. Pädagogisch ist darauf zu achten, dass die Verhaltensweisen adäquat beachtet werden, d.h. dass weder ein zu großer sekundärer Krankheitsgewinn durch völlige Entlastung entsteht, noch ein zu großer Druck durch Disziplinierung.

Schulischer Aspekt
Heilbarkeit

Zum Glück können 80% der Epilepsien durch Medikamente so behandelt werden, dass Anfallsfreiheit erreicht wird. Nach mehrjähriger (mind. 2 – 5 Jahre) Anfallsfreiheit kann bei Kindern, bei denen keine Ursache für die Epilepsie gefunden wurde, ein Auslassversuch (Reduktion der Medikamente) unternommen werden. Gerade im Kindesalter ist Epilepsie somit eine heilbare Erkrankung, die jegliche Anstrengung rechtfertigt. Aus diesem Grunde ist die Integration epileptischer Kinder in der Schule sehr wichtig und eine Aufgabe für den Lehrer, mit der er den Lebensweg eines Menschen ebnen kann.
Kein geistiger Abbau durch Epilepsie

Auch bei wiederholten großen Anfällen kommt es in der Regel nicht zu einem geistigen Abbau. Wenn geistiger Abbau und Epilepsie bei einem Patienten zusammentreffen, ist dies in diesen (seltenen) Fällen Ausdruck der Hirnerkrankung, die Grundlage der Epilepsie und auch des geistigen Abbaus ist. Jedes Kind sollte daher in die Schulform integriert werden, die seinem geistigen Vermögen entspricht. Kinder mit Epilepsie sind zu Recht in allen Schulformen anzutreffen. Eine Sonderrolle sollte ihnen nur im unbedingt erforderlichen Ausmaß (s.u.) zukommen.

Erste Hilfe bei Anfällen

Das Erleben von Krampfanfällen im Unterricht dürfte eher ein seltenes Ereignis darstellen. Die notwendigen Maßnahmen ergeben sich aus dem Anfallsablauf:

Für alle Anfälle gilt:

  • Ruhe bewahren
  • Anfall möglichst gut protokollieren
  • Auslöser? Situation aus der der Anfall auftrat? Uhrzeit
  • Beginn des Anfalls: Aura? Einseitig?
  • Verlauf des Anfalls
  • Ende des Anfalls: plötzlich? Reorientierung?
  • Zeit nach Möglichkeit mit der Uhr stoppen

Hilfen beim Grand mal

Der Grand mal Anfall “appelliert” am meisten zur Hilfeleistung. Normaler Weise sind jedoch keine größeren Maßnahmen notwendig:
Die tonische Phase ist oft zu kurz, um überhaupt einzugreifen. Bei vorhandener Aura kann man das Kind u.U. prophylaktisch hinlegen.
In der klonischen Phase sollte man lediglich alle gefährlichen Gegenstände außer Reichweite bringen. Also:
Weg vom Heizkörper
Stühle und Tische entfernen
Kleidung lockern
Weiche Unterlage unter Kopf
Bewegungen vorsichtig so steuern, dass sich das Kind z.B. nicht selbst schlägt
Bei Nachlassen der Kloni in die stabile Seitenlage nach links bringen

Keinesfalls sollte man

  • Gegenstände in den Mund stecken, um den Zungenbiss zu vermeiden
  • Zuckende Gliedmaßen festhalten
  • Versuchen den Mund zu öffnen um zu “beatmen”
  • Stimulationen versuchen wie Tauchen in kaltes Wasser, Schläge etc.
  • Jeglicher Versuch, die Muskulatur gegen Widerstand in eine andere Richtung zu bringen, ist entweder nutzlos oder gefährdet den Patienten.

Im Anfall ist die Muskulatur selbst bei einem Kind so stark, dass bei grober Gewalt (Festhalten) Knochen brechen könnten. Gegenstände werden entweder durchgebissen oder führen zu Kieferbrüchen und Zahnschäden. Durchgebissene Gegenstände können die Atemwege verlegen. Auch die Finger, die der Helfer in den Mund steckt, können durchgebissen werden!

Abgebissene Zungen (eine extreme Rarität) befinden sich außerhalb der Mundhöhle und sind somit ungefährlich. Die Wundversorgung einer veletzten Zunge nach dem Anfall ist ausreichend, die Zunge heilt sehr gut. Allenfalls sollte durch Lagerung verhindert werden, dass das Blut eingeatmet wird.

Der Versuch, den Patienten zu beatmen, muss scheitern, da die Muskulatur des Brustkorbes und das Zwerchfell am Anfall teilnehmen. Eine Zufuhr von Sauerstoff (cave Sanitäter) führt zu einer Verlängerung des Anfalls.

Die Gabe eines “Notfallmedikamentes” (Diazepam) ist erst bei einer Anfalldauer von mehr als 3 Minuten notwendig. Dies kommt nur in extremen Ausnahmesituationen vor. Diazepamrektiolen werden wie ein “Zäpfchen” verabreicht.

Meist ist es nicht notwendig, den Notarzt zu rufen. Bei bekannter Epilepsie ist es ausreichend, wenn die Eltern bald möglichst Kontakt zum Epileptologen aufnehmen. Dieser muss entscheiden, ob die Therapie des Kindes geändert werden oder eine Dosisanpassung erfolgen muss.

Beim ersten cerebralen Krampfanfall sollte das Kind umgehend einem Arzt vorgestellt werden, der eine akute Ursache für den Anfall (z.B. Meningitis) ausschließen muss.

Dies gilt auch, wenn sich die Anfallsart gewandelt hat oder wenn der Anfall ungewöhnlich lange andauert

www.epilepsie-elternverband.de