Schizophrenie:
Der Begriff "Schizophrenie" wurde 1911 von dem Psychiater Eugen Bleuler geprägt. Damit wurde ein grundlegender Wandel im Verständnis der Störung ausgelöst, denn bis dahin wurde der Begriff Dementia praecox (also vorzeitige Demenz) von Emil Kraepelin verwendet. Der in dieser Bezeichnung aufscheinende Aspekt der Vorzeitigkeit verweist auf die früher übliche Annahme, dass Schizophrenie sich normalerweise bereits in der Jugend entwickele und dass es sich um eine unaufhaltsam das Gehirn zerstörende Erkrankung handeln müsse. Diese Auffassung ist inzwischen widerlegt. Das Alter bei Krankheitsbeginn ist jedoch insoweit von Bedeutung, als die Schwere der Erkrankung zunimmt, je jünger die Patienten bei Krankheitsbeginn sind .AlsUrsachefürdiesen Zusammenhang gilt, dass bei jungen Patienten sowohl die Gehirnstrukturen als auch der eigene soziale Status weniger gefestigt und stabil sind als bei Älteren und daher die Krankheit gewissermaßen "leichteres Spiel" habe.
Schizophrenie kommt vom Griechischen schizo = spalten und phren = eigentlich Zwerchfell (für die Griechen Sitz der Seele), d.h. Schizophrenie bezeichnet eine Spaltung der psychischen Funktionen, eine mangelnde Einheit, eine Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens, Fühlens und Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit, oft begleitet von inadäquater oder verflachter Affektivität (Gefühlslage). Nicht zur Schizophrenie gehört die oft in Filmen und Büchern dargestellte "multiple Persönlichkeitsstörung", bei der in einer Person je nach Situation unterschiedliche Persönlichkeiten, wie z.B. in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mister Hyde, vorliegen. Die Diagnose der "multiplen Persönlichkeit" ist in der neuen Literatur sehr umstritten, es wird diskutiert, ob es diese Form der Erkrankung so überhaupt gibt, einige Fallschilderungen haben sich nachträglich als Fälschung herausgestellt.
Für den Laien wird eine schizophrene Psychose zumeist an der Wahnsymptomatik erkennbar: Ein Betroffener glaubt beispielsweise, von Außerirdischen beobachtet zu werden (Verfolgungswahn), dass seine Gedanken von anderen gehört werden können oder dass er aufgrund früherer Sünden schuld an Naturkatastrophen sei.
Eine Schizophrenie führt also zu Störungen und Veränderungen des Denkens, Fühlens, Handelns und des Ich-Erlebens. Vorher vertraute Dinge und Personen werden unheimlich. Diese Veränderungen sind meist sehr Angst einflößend für den Betroffenen. Er zieht sich in der Folge aus Misstrauen mehr und mehr von anderen Menschen zurück.
Problematisch bei einer Schizophrenie kann eine fehlende oder gering ausgeprägte Krankheitseinsicht sein. Sofern bei einer akuten schizophrenen Psychose Eigen- oder Fremdgefährdung hinzukommen, kann eine zwangsweise Behandlung, also meist die Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung angeordnet werden, bis eine Besserung der Symptomatik erreicht ist. Eine solche Maßnahme erfolgt nach den Unterbringungsgesetzen der jeweiligen Bundesländer.
Symptome
Charakteristisch sind Halluzinationen, Denkstörungen und wahnhaftes Denken. Häufig sind dabei akustische Halluzinationen: ca. 80% der an einer schizophrenen Psychose Erkrankten hören Stimmen. Befehlende (imperative) sind dabei selten und kein eindeutiges Kriterium der Schizophrenie. Ein entscheidendes Kriterium für die Diagnose einer Schizophrenie ist auch das wahnhafte Denken. Ein Wahn bedeutet eine unerschütterliche Überzeugung, die auch durch Fakten nicht zu widerlegen ist; für den Kranken besteht eine "Wahngewissheit", etwa verfolgt, beobachtet oder abgehört zu werden. Die vorgenannten Symptome werden auch als "Plussymptomatik" bezeichnet.
Im Gegensatz dazu stehen die so genannten "Minussymptome", wie etwa sozialer Rückzug, emotionale Verarmung oder Verflachung, Antriebsverlust, mangelnde Körperpflege, psychomotorische Verlangsamung. Viele Betroffene leiden zudem in der akuten Phase einer Schizophrenie unter Schlafstörungen. Nach Abklingen einer akuten schizophrenen Episode tritt teilweise eine depressive Phase als Nachschwankung auf.
Wichtig ist eine sorgfältige Diagnose, da schizophrenieähnliche Symptome auch durch Epilepsie oder andere Erkrankungen des Gehirns und durch den Konsum oder den Entzug von Drogen hervorgerufen werden können. Als problematisch gilt, dass zwischen dem tatsächlichen Ausbruch der Krankheit und ihrer Diagnose oft eine erhebliche Zeitspanne liegt. Einer im Frühjahr 2004 vorgelegten DFG-Studie des Heidelberger Prof. Heinz Häfner zufolge erfolgt die erste Behandlung durchschnittlich zwei Monate nach dem Höhepunkt der ersten Psychose. Bis zu diesem Ereignis haben die Patienten jedoch häufig bereits eine erhebliche Leidensgeschichte durchlitten, die ohne weiteres bereits fünf Jahre andauern kann. Zur Diagnostik der Schizophrenie wurden verschiedene Systeme entwickelt.
Bleuler definierte folgende Symptome der Schizophrenie:
- Primärsymptome oder Grundsymptome
- Denken (Zerfahrenheit, Sperrung, gemachte Gedanken, Begriffszerfall)
- Affektivität (inadäquater Affekt, Parathymie, gehobene oder depressive Stimmung, Angst)
- Ambivalenz
- Autismus
- Akzessorische Symptome
- Wahn
- Halluzination
- Katatone Symptome
- Kurt Schneider definierte folgende Symptome der Schizophrenie :
Symptome ersten Ranges (Erstrangsymptome):
- Dialogische Stimmen
- Kommentierende Stimmen
- Leibliche Beeinflussungserlebnisse
- Gedankeneingebung
- Gedankenentzug
- Gedankenausbreitung
- Gefühl des Gemachten
- Wahnwahrnehmung
- Symptome zweiten Ranges
- Sonstige akustische Halluzinationen
- Halluzinationen auf anderen Sinnesgebieten
- Wahneinfälle
- Ratlosigkeit
- Depressive und frohe Verstimmung
- Erlebte Gefühlsverarmung
- Heute folgt die Klassifikation von Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises dem ICD-10.
Schizophrenie bei Erwachsenen
Schizophrenien können sowohl schubweise als auch chronisch verlaufen, wobei die schubweise Verlaufsform häufiger ist. Ein Schub, also eine akute Krankheitsphase, kann mehrere Wochen oder viele Monate dauern. Danach klingt die Krankheit wieder ab, bis möglicherweise ein neuer Schub erfolgt.
Zwischen den einzelnen Schüben kann es zu einer vollständigen Remission (Zurückbildung) der Symptome kommen, es können aber auch Residualsymptome (Restsymptome) bleiben. Solche Restsymptome sind zum Beispiel soziale Isolation, Beeinträchtigung der persönlichen Hygiene, auffallende Sprachmuster, Depressivität oder Antriebsmangel. Bei manchen Verläufen bleiben die Residualsymptome stabil, bei anderen Betroffenen werden sie nach jedem Schub stärker.
Der erste Krankheitsschub beginnt typischerweise zwischen Pubertät und dreißigstem Lebensjahr. Bei Frauen beginnt die erste schizophrene Episode in der Regel etwas später als bei Männern; so genannte Spätschizophrenien (erster Schub nach dem 40. Lebensjahr) treten hauptsächlich bei Frauen auf. Als Grund für diesen geschlechtsspezifischen Unterschied gilt eine die Erkrankung eindämmende Wirkung des weiblichen Hormons Östrogen.
Besonders problematisch sind oft schleichend beginnende Fälle, die häufig zu einem chronische Verlauf der Krankheit führen, bei welchem auch nach Abklingen einer akuten Episode die oben beschriebenen, starken Residualsymptome bleiben.
Gravierend ist auch die Suizidgefahr: ca. 10-15% aller Erkrankten sterben durch Selbsttötung; dies betrifft am häufigsten jüngere männliche Erkrankte.
Schizophrenie bei Kindern
In extrem seltenen Fällen können bei Kindern Formen von schizophrenen Psychosen etwa ab dem achten Lebensjahr auftreten. Die wichtigsten Symptome dabei sind Sprachzerfall, Kontaktverlust und affektive Störungen. Schizophrenien bei Kindern vor dem Schulalter sind nicht diagnostizierbar, da die Symptome der Beeinträchtigung des Denkens, Sprechens, der Wahrnehmung und Gefühlswelt voraussetzen, dass diese Fähigkeiten hinreichend entwickelt sind. Von der kindlichen Schizophrenie, die als plötzlicher Knick in einer bis dahin normalen Entwicklung verstanden werden muss, muss man den kindlichen Autismus unterscheiden. Dieser zeigt sich bereits ab Geburt oder Krabbelalter.
Schizophrenien im Alter
Bei bereits an Schizophrenie Erkrankten klingen die Symptome in der Regel mit fortschreitendem Alter in gewissem Maße ab; akute Krankheitsepisoden werden seltener. Ersterkrankungen kommen im höheren Alter kaum noch vor.
Häufigkeit und Ursachen
Das so genannte Lifetime-Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, beträgt 1 Prozent, das heißt, statistisch gesehen durchlebt jeder Hundertste mindestens einmal im Leben eine schizophrene Episode. Schizophrenie ist also eine durchaus weitverbreitete Krankheit. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die Prävalenzraten (Anzahl der Erkrankten) und die Inzidenzraten (Anzahl der Neurerkrankungen) differieren. Die Inzidenzraten liegen unter denen der Prävalenz bei etwa 1er Person von 10.000, wie aus einer WHO-Multicenterstudie (Jablenski, 1995) hervorgeht. Das geringe Wissen, das über Schizophrenie in der Öffentlichkeit besteht (und Ursache für viele Vorurteile ist), ist wohl auf die Stigmatisierung dieser Krankheit zurückzuführen, die auf mittlealterliche Vorstellungen von Besessenheit und vermeintlicher göttlicher Bestrafung eines Sünders durch Krankheit zurückgehen könnte.
Männer und Frauen erkranken in etwa gleich häufig. Schizophrenien kommen in allen Kulturen der Welt mit gleicher Häufigkeit vor, aber das jeweilige Erscheinungsbild wechselt mit den soziokulturellen Gegebenheiten. Eine eindeutige Ursache für Schizophrenie ist bis heute nicht bekannt. Man geht derzeit von einem multifaktoriellen Modell aus, bei dem weder genetisch-biologische noch psychosoziale Ursachen allein eine Schizophrenie auslösen, sondern viele Faktoren zusammen für den Ausbruch dieser Erkrankung verantwortlich sind
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