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Zwangserkrankungen:

Was ist ein Zwang?

In Deutschland leiden mindestens 2% der Bevölkerung an den verschiedensten Zwängen. Es ist eine psychische Erkrankung, die den Betroffenen privat sowie beruflich massiv beeinträchtigt. Es ist ein Thema, das unter Nichtbetroffenen als Tic oder Marotte angesehen wird. Das macht es den Erkrankten um so schwerer, sich mitzuteilen. Schließlich ist es ja normal, mehrmals zu kontrollieren, ob der Herd aus ist, oder die Türen abgeschlossen sind. Die Umwelt nimmt den Erkrankten als äußerst gewissenhaft wahr und ahnt nicht, welche seelischen Qualen sich dahinter verbergen.

Zwangserkrankte erleben ihr Handeln immer wieder als etwas, das ihnen aufgezwungen wird, obwohl sie wissen, daß sie selbst ihr Handeln bestimmen und es nicht von außen kommt. Sie versuchen durch bestimmte Handlungsabläufe wie wiederholte Kontrolle von elektrischen Geräten, mehrmaliges waschen und reinigen, das Gefühl zu erzwingen, alles sei in Ordnung. Doch führen diese Rituale dazu, daß der Zwang immer ausgeprägter wird, und es für die Erkrankten immer schwerer wird, das nötige Sicherheitsgefühl zu erreichen. Das fatale ist, daß Angehörige dieses Handeln noch unterstützen. Vielleicht indem sie es als übertriebenes Sicherheitsbedürfnis deuten oder einfach nicht wahrhaben wollen, was da passiert.

Parallel zu Zwängen treten oft andere Krankheitsbilder in Erscheinung. Nicht selten sind Panik, psychosomatische Beschwerden, Depressionen, Eßstörungen und Phobien. Selten berichtet der Patient von seinen Zwängen, da er sie sich selbst nicht erklären kann. Um aber eine umfassende Wiederherstellung der Lebensqualität zu erreichen, muß der Zwang behandelt werden
Wie entsteht ein Zwang?

Zur Entstehung von Zwängen gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Unter Neurobiologischen Gesichtspunkten wird angenommen, daß zur Entstehung einer Zwangsneurose biologische Ursachen beitragen; durch eine Veränderung der Impulsübertragungen an den Nervenbahnen des Gehirns z.B. Durch die Gabe bestimmter Medikamente kann dies günstig beeinflußt werden.
Belastende frühere oder aktuelle Lebensereignisse (Konflikte, Tod, Trennung, Berufswechsel etc.) können die Entstehung von Zwängen stark fördern. Von Kindheit an unsichere Menschen, die stark an sich selbst zweifeln und sich nur schwer durchsetzen können, fangen in Anforderungssituationen plötzlich an Dinge häufiger zu kontrollieren. Durch das vermeiden oder verhindern von Fehlern hoffen sie, nicht kritisiert oder gar abgelehnt zu werden. Dies führt oft zu einem momentanen Abbau der Unsicherheit und Ängstlichkeit; um diese Gefühle nicht wieder auftreten zu lassen, wird an den Zwängen festgehalten, oder diese werden schlimmstenfalls noch stärker.
Nach einer Theorie von Freud werden Zwänge als Abwehrmaßnahmen gesehen. Sogenannte "verbotene" Impulse aus dem Unterbewußtsein werden verdrängt und an ihre Stelle der Zwang gesetzt. Durch eine sogenannte Sauberkeitserziehung z.B. können später Zwangssymptome entstehen, die sich zu einem Reinlichkeits- oder Waschzwang entwickeln können.
Als diagnostische Merkmale können folgende Punkte gelten:
Das Auftreten der Zwänge ist nicht durch eine andere Erkrankung oder die Einnahme von Drogen zu erklären.
Der Betroffene sollte erkennen können, daß die Handlungen unnötig und die Gedanken übertrieben sind.
Der Zwangserkrankte sollte seine Handlungen und Gedanken als belastend empfinden.
Gedanken und Handlungen den Zwang betreffend müssen mindestens eine Stunde am Tag in Anspruch nehmen
Zwangsformen

Kontrollzwänge

Ein sehr großer Teil der Zwangserkrankten leidet unter Kontrollzwängen. Für diese Menschen ist es nicht möglich beim Verlassen der Wohnung das sichere Gefühl zu erlangen, alle Geräte sind ausgeschaltet, Türen und Fenster verschlossen, etc. Auch wenn sie immer wieder Überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Das führt dazu, daß sie immer wieder in die Wohnung zurückkehren um erneut zu kontrollieren. Charakteristisch ist, daß der Betroffene diese Gedanken nicht in dem Ausmaß hat, wenn er nicht als letzter die Wohnung verläßt. Die Verantwortung ist ihm abgenommen.

Reinigungszwänge

Menschen, die unter einem Reinigungszwang leiden haben geradezu panische Angst davor, mit Schmutz, Exkrementen, Bakterien oder Viren in Berührung zu kommen. Der Kontakt oder auch nur die Vorstellung ruft bei ihnen schlimmste Ängste hervor. Die Erkrankten wenden große Anstrengungen auf, um sich vor Verunreinigung zu schützen. Es führt dazu, daß der kranke sich bis zuweilen stundenlangen Waschritualen hingibt, und selbst dann nicht die Sicherheit erlangt "sauber" zu sein. Um eine Verunreinigung generell zu verhindern, versucht er solche Situationen zu vermeiden. Einsamkeit und Isolation sind oft die Folge davon, weil es ihm nicht möglich ist, der "schmutzigen" Welt da draußen zu begegnen.

Ordnungszwänge

Der Erkrankte kann den Gedanken nicht ertragen, daß Dinge nicht an ihrem Platz liegen. Immer wieder werden die Dinge herum gerückt, bis sie so sind wie der Erkrankte es für richtig hält.

Sammelzwänge

Diese Menschen können sich nicht von Dingen trennen selbst wenn diese unbrauchbar oder wertlos werden. Die Sammlungen erstrecken sich immer weiter, bis in extremen Situationen auch Müll gesammelt und in der Wohnung aufbewahrt wird. Auch diese Menschen isolieren sich sehr stark, weil ihnen zeitweise bewußt wird was sie tun. Folglich lassen sie bald niemanden mehr in ihre Wohnung und werden immer erfinderischer im vermeiden von Besuchen.

Wiederholungszwänge

Die Betroffenen müssen eine bestimmte Anzahl von Handlungen ausführen, um sicher zu stellen, daß ihnen oder anderen nichts schlimmes passieren wird. Z.B. fünf mal die Tür auf und zu schließen, oder hundert mal bis 10 zählen
Eine bisher weitgehend unbekannte, wenn auch nicht extrem seltene Form des zwanghaften Verhaltens, ist die Dermatillomanie (auch Acne Excoriee genannt). Darunter versteht man ein Verhalten, bei dem die Betroffenen zwanghaft immer wieder an Hautunreinheiten quetschen, kratzen oder knibbeln, auch wenn sie meist nur unter relativ leichter Akne leiden. Oft können die Betroffenen auch bereits entzündete oder verkrustete Stellen nicht abheilen lassen, so dass es zu stärkeren Entzündungen bis hin zur Narbenbildung kommen kann. Die Betroffenen leiden unter starken Scham- und Schuldgefühlen, die auch Einfluß auf die sozialen Kontakte nehmen können (Verabredungen absagen etc.), insbesondere da oft im Gesicht gekratzt wird und sich die verletzten Stellen dort schlecht verbergen lassen. Die Erkrankung ist mit der Trichotillomanie (zwanghaftem Haare ausreißen) und der Onychophagie (zwanghaftes Nägelbeißen) verwandt. Leider ist die Dermatillomanie bisher wenig erforscht und vielen Ärzten und Betroffenen (noch) nicht bekannt. Der amerikanische Psychologe Fred Penzel schätzt, daß ca. 2 % der Patienten von Hautärzten unter Dermatillomanie leiden, die im eigentlichen Sinne keine Hauterkrankung darstellt.

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